Aufruf Freiraumdemo

Ort: Marktplatz/ Halle
Datum:13.06.2014/15:00 Uhr

Am Freitag den 13.06. wollen wir uns in Halle treffen, um zu demonstrieren und der Stadt und ihren Menschen zu zeigen: Wir sind da! Doch warum sind wir eigentlich da? Diese Frage haben wir uns auch gestellt. Wollen wir Werbung für unsere Hausprojekte machen? Wollen wir uns feiern? Wollen wir sagen, warum wir diese Gesellschaft ablehnen?
In erster Linie wollen wir verdeutlichen, was wir unter einem ‘Freiraum’ verstehen und wieso er für uns wichtig ist! Das fängt damit an, dass wir die freie Entfaltung des Individuums in den Vordergrund rücken wollen, da wir finden, dass diese in unserer Gesellschaft nicht möglich ist.
Uns ist bewusst, dass wir mit dieser Demonstration die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht verändern werden, auch wenn wir das gern würden. Aber das zu glauben, wäre schlicht und einfach naiv.
Eine Außenwirkung hat das Ganze trotzdem: Sie zeigt den umstehenden Menschen, dass es Leute gibt, die ein anderes Zusammenleben anstreben. Ein Zusammenleben fernab von kapitalistischer Verwertungslogik, von Ausschlussmechanismen, die nichts weiter als pure Menschenverachtung bedeuten.
Freiraum bedeutet zum einen Freiraum im Kopf und gleichzeitig Freiraum als Ort. Dies steht aus unserer Sicht in einer wechselseitigen Beziehung.
Konkret heißt das, dass wir es nicht tolerieren, wenn Leute menschenverachtend handeln. In Hausprojekten, wie die Reil78 eines ist, wird versucht, diesen Anspruch an ein Zusammenleben umzusetzen. Ein Freiraum ist damit ein Ort, wo sich Menschen wohl fühlen sollten, die sonst nicht in das Bild dieser Gesellschaft passen und diskriminiert werden. Dass deshalb ein Freiraum ein Ort voller Regeln ist, ist die logische Konsequenz, um diese Menschen zu schützen. Das mag widersinnig erscheinen, aber durch die gesellschaftliche Realität ist es leider von Nöten, das, was als selbstverständlich gelten sollte, in Form von Regeln festzuhalten, um den Freiraum überhaupt erst durchzusetzen. Doch diese können eben immer nur ein Versuch bleiben, gesellschaftliche Missstände im Zaum zu halten, da dieses Zusammenleben in keinster Weise außerhalb der kapitalistischen Verhältnisse steht, wie es sich einige Menschen wohl leider noch einbilden. Aber es gibt den Personen, deren Leben tagtäglich und jede Minute durch menschenverachtende Mechanismen bestimmt werden, einen kleinen Hoffnungsschimmer und einen Funken Sicherheit. Allen sollte klar sein, dass diese Sicherheit falsch ist, genau wie die staatliche, eben weil sie im existierenden gesellschaftlichen Rahmen aufgebaut wurde. Denn warum ist es überhaupt notwendig den Versuch zu starten, den Unzumutbarkeiten, die sonst täglich auf uns einprasseln, zu entfliehen? Ganz abgesehen davon, dass dieser nie absolut umgesetzt werden wird, ohne einen kompletten Umsturz der Verhältnisse. Jedoch nehmen Viele gesellschaftliche Zwänge nicht als solche wahr und haben sich irgendwie damit arrangiert. Genau wie Leute, die sich in Freiräumen engagieren und denken, sie wären dem System entflohen und hätten sich eine eigene Freiheit erschaffen. Vereinfachte und damit regressive Weltbilder sind nämlich meist einfacher geschaffen, als eine umfassende Kritik am Bestehenden und dem Selbstaufgebauten.
Ein Freiraum ist somit ein Ort, an dem die, die sich verantwortlich fühlen, bis zu einem gewissen Grad die Spielregeln festlegen und den Raum gestalten. Dies ermöglicht uns zum Beispiel Menschen mit homophoben, rassistischen und antisemitischen Weltbildern rauszuschmeißen. Dabei ist uns klar, dass die Reile und wahrscheinlich auch alle anderen autonomen Zentren dem selbst gesetzten Anspruch nicht komplett gerecht werden. Doch gerade deshalb sollten wir uns bewusst werden, dass diese Spielregeln jeden Tag neu verhandelt und auch durchgesetzt werden müssen. Das kostet viel Kraft und fängt bei allen selbst an.
Freiräume zu schaffen und zu erhalten ist für uns eine selbstverständliche und anstrengende Notwendigkeit, da der Rest der Gesellschaft dem Individuum immer wieder vorhält, wie austauschbar es ist und wie wenig Platz Menschen in ihr haben, die entweder nicht in der Lage sind sich im kapitalistischen Alltag zu verwerten oder dies schlicht ablehnen. Das trifft auch auf jene Menschen zu, die konsequent ausgeschlossen und diskriminiert werden. Das Individuum ist nichts mehr wert, Menschen werden in nicht freiassoziierte Gruppen kategorisiert.
Deshalb gilt es, sich nicht auf vermeintlichen ‘Freiräumen’ auszuruhen, sondern den Blick für das Ganze zu bewahren. Erst darauf kann eine tiefergehende Kritik der Verhältnisse folgen und die Idee einer anderen Gesellschaft gefördert und nach außen getragen werden. Oftmals verkommen die geschaffenen Strukturen zu einer bloßen Reproduktion identitärer Szene-, Denk- und Handlungsmuster. Das finden wir verwerflich, dennoch sind wir der Meinung, dass Freiräume die Chance bieten sollten, dass eine ständige Reflexion und ein Austausch der Individuen stattfinden kann und muss.